Kurioses



Zufall?


Als ich in der zwölften Klasse des Gymnasiums war, passierte etwas, was meine Haltung zu der Frage, ob es so etwas wie "Zufall" überhaupt gibt, nachhaltig beeinflußte.

In Jahrgangsstufe zwölf stand damals die große Klassenfahrt mit dem Stammkurs für eine Woche ins europäische Ausland auf dem Programm. Unser Französisch-Leistungskurs hatte sich für Budapest entschieden, und die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Für mich hieß dies unter anderem den Rollstuhl, den ich erst vor einigen Monaten bekam, reisetauglich zu machen. Aufgrund eines Risses in der Armlehne, kam ca. vier Wochen vor Antritt der Reise der Monteur des Sanitätshauses bei uns zuhause vorbei. Nachdem wir ihm schon im vorhinein am Telefon das Problem geschildert hatten, war er mit neuer Armlehne im Gepäck angereist. Der Austausch ging recht schnell vonstatten, und als sich der Monteur gerade verabschieden wollte, ging es los: er bemerkte "zufällig" einen kaum zu sehenden (etwa linsengroßen), im Entstehen befindlichen Defekt am rechten (luftbereiften) Vorderrädchen des Rollstuhls. Es handelte sich um folgendes: der Gummimantel des Vorderreifens ist auf beiden Seiten jeweils an der Stelle, wo er auf der Felge sitzt, mit einem im Gummi eingelassenen Metallring verstärkt, und der Defekt war der, daß sich der Metallring vom umgebenden Gummi gelöst hatte und der Schlauch in Form einer Art Blase (zunächst nur mit einem Durchmesser von vielleicht fünf Millimetern) zwischen dem Ring und dem Rest des Mantels hervorquoll. Der Monteur erklärte uns daraufhin, wie gut es doch sei, daß er die Blase bemerkt habe, denn bei Größerwerden könne sie arge Probleme verursachen. Er versprach uns, nach seiner Rückkehr ins Sanitätshaus noch am selben Tag ein neues Rädchen wegzuschicken, so daß es spätestens eine Woche darauf (immer noch drei Wochen vor Reisebeginn) bei uns sei.

In der Folgezeit wurde die Blase Tag für Tag größer - von dem versprochenen Rädchen aber fehlte jede Spur. Die ersten zehn Tage nach dem Monteurbesuch vergingen in der Hoffnung, daß das Paket "schon noch kommt", aber auch das anschließende mehrfache telefonische Nachfragen und Nachhaken blieb ohne Ergebnis. Immer wieder wurde bekräftigt: "Keine Sorge! Das Paket kommt bald - ist schon so gut wie unterwegs". Doch gar nichts kam - und die Blase wuchs! Am Montag der letzten Woche vor Abreise (die Abfahrt des Busses war festgelegt auf Freitag morgen 7:45 Uhr) war ich ziemlich verzweifelt: die Blase war mittlerweile fünfmarkstückgroß, doch das Paket kam nicht. Die darauffolgenden Tage waren schrecklich. Die Blase wuchs immer schneller, und ich bewegte mich im Rollstuhl kaum noch, um die Beanspruchung des Metallrings am Mantel bloß nicht unnötig zu erhöhen. Am Donnerstag nachmittag (etwa 18 Stunden vor Abfahrt) war es dann soweit: der Metallring riß auf einer Länge von etwa 15 cm aus der Gummiummantelung und die "Blase" (bzw. der Schlauch) quoll komplett nach aussen. Der Schlauch paßte damit auch nicht mehr durch die Radgabel, so daß sich das Vorderrädchen gar nicht mehr drehen ließ - ich konnte nur noch gekippt, auf den Hinterrädern balancierend geschoben werden. Damit war an eine Klassenfahrt gar nicht zu denken - ein neues Rädchen mußte her, und zwar schnell! In der Gegend, in der ich zu der Zeit wohnte, gab es damals eigentlich nur ein einigermaßen gut sortiertes Sanitätshaus (alles andere war zu weit weg): unser Stamm-Sanitätshaus, das uns so bitter enttäuscht hatte. Stattdessen klapperten wir mehrere andere Geschäfte auf der Suche nach einem passenden Rädchen ab. Nach mehreren Stunden fanden wir dann "zufällig" doch noch ein passendes, und mein Rollstuhl konnte (durch Austausch des Rädchens) repariert werden - endlich! Am nächsten Morgen wollten wir gegen 7 gerade in Richtung Schule aufbrechen, da kam der Paketbote - man ahnt es schon: das versprochene Rädchen! Ich sagte mir: "Na ja - jetzt ist es ja schon repariert, und ich brauche es eigentlich nicht mehr; aber ein nagelneues Ersatzrädchen kann nie schaden"! Also nahm ich es zusätzlich mit, wir fuhren zur Schule und von da ging es ab nach Budapest.

Nach der Ankunft wollten wir noch am selben Abend mit der ganzen Klasse in ein Restaurant einige Häuserblocks entfernt von unserem Hotel zum Abendessen. Ein sehr quirliger, lebhafter Klassenkamerad von mir (dessen Name hier ungenannt bleiben soll) übernahm für diesen Abend die Aufgabe, mich zu schieben. Wohl mit der Absicht, mir etwas bieten zu wollen, spurtete er fast über die gesamte Strecke und fuhr vor allem die (ungelogen!) ca. 15 cm hohen Bordsteine Budapests in rasantem Tempo rauf und runter. Im Restaurant dann setzte ich über auf einen gewöhnlichen Stuhl, und mein Rollstuhl wurde in der Ecke geparkt. Danach gab es erst einmal etwas zu essen: ich hatte - wenn ich mich recht erinnere - ein Mailänder Schnitzel. Nach dem Essen wollte ich wieder umsteigen auf den Rollstuhl, und da sah ich es: an dem frisch getauschten (rechten) Vorderrädchen war der exakt selbe Defekt wie an dem einen Tag zuvor ersetzten Rädchen. Nur daß diesmal die Phase, in der die ominöse Blase immer größer wird, komplett übersprungen wurde: das Loch zwischen Metallring und Mantel war auf einen Schlag so groß, daß der Schlauch vollständig nach außen quoll und sich das Rädchen nicht mehr drehen ließ. Ersatz mußte also diesmal gleich her, aber "glücklicherweise" hatte ich ja das verspätete Paket mitgenommen! Ich fuhr mit dem Taxi zurück ins Hotel, dort tauschten wir das Rädchen, und da nichts dergleichen mehr passierte, konnte ich in der Folge eine tolle Klassenfahrt genießen!

Fassen wir noch einmal zusammen, wieviele "Zufälle" zusammenkommen mußten, damit mir ein Ersatzrädchen die Klassenfahrt retten konnte (in Budapest hätte ich damals bestimmt keinen Ersatz kaufen können):
  1. der Monteur sieht den Fehler und will Ersatz schicken,
  2. das Rädchen ist versprochen (also kaufen wir erst mal keins woanders),
  3. das defekte Rad hält durch bis zum letzten Tag, aber als es dann kaputtgeht, ist das Paket immer noch nicht da (also brauchen wir doch ein Rädchen von woanders),
  4. wir finden tatsächlich - kurzfristig - passenden Ersatz,
  5. das Paket kommt (nach fast vier Wochen!) just fünf Minuten vor der Fahrt zur Schule (wo schon der abfahrbereite Bus wartet) und
  6. an dem neuen, einen Tag zuvor gewechselten Rädchen tritt exakt derselbe Defekt auf (den man ausschließlich durch Austausch beheben kann).
Viele werden jetzt vielleicht sagen: "Ein Ersatzrädchen nimmt man auf so einer Reise sowieso immer mit"! Nun, heute weiß ich das auch, aber, wie gesagt, ich hatte den Rollstuhl damals erst seit ein paar Monaten, und ich kannte mich daher damit nicht aus ...

Seit dieser Geschichte - die ehrlich hundertprozentig wahr ist - glaube ich nicht mehr an "Zufälle", zumal mir derselbe Defekt mit dem ausgerissenen Metallring, welcher zweimal (mit unterschiedlicher Entwicklungsgeschwindigkeit) innerhalb kürzester Zeit aufgetreten ist, bis zum heutigen Tage nie wieder untergekommen ist (auch von Freunden habe ich nichts derartiges gehört).



Ich bin nicht drogenabhängig, und ich bin auch ganz gewiß kein Nazi-Verbrecher!


Seit einigen Jahren benötigen Touristen aus bestimmten Ländern - darunter Deutschland - kein Visum mehr für die Einreise in die USA, falls sie das Land innerhalb von drei Monaten wieder verlassen! Für dieses Privileg sollte man als Einreisewilliger entsprechender Nationalität durchaus dankbar sein, die praktische Ausführung jener Bestimmung hinterläßt jedoch u.U. einen bitteren Beigeschmack.

Zunächst ist in diesem Zusammenhang zu sagen, daß man als deutscher Tourist bei der Einreise in die USA auf dem Luftweg, anstatt vor Reiseantritt ein Visum beantragen zu müssen, im Flugzeug - einige Zeit vor der Landung auf amerikanischem Boden - von den FlugbegleiterInnen ein Formular (namens I-94) zum (sofortigen) Ausfüllen ausgehändigt bekommt, in dem einige persönliche Daten abgefragt werden. Durch dieses Prozedere wird ein erhebliches Maß an Bürokratie abgebaut und die Einreise wesentlich vereinfacht. Die Überschrift "Willkommen in den Vereinigten Staaten" führt schließlich dazu, daß man gerne und voller Vorfreude an die Beantwortung der Fragen herangeht.

Wenn man dann aber das Formular herumdreht und sich den Text genauer durchliest, stellt sich allerdings eine gewisse Ernüchterung ein (zumindest war es so bei mir): ganz oben auf der Rückseite werden nämlich sieben Fragen gestellt, die alle jeweils mit "Ja" oder "Nein" zu beantworten sind, und deren Beantwortung mit "Ja" zur Verweigerung der Einreiseerlaubnis führen kann.

Abgesehen davon, daß es angesichts derartiger Konsequenzen äußerst fraglich erscheint, ob etwa ein mehrfach gesuchter Schwerverbrecher die Fragen wahrheitsgemäß beantwortet, empfinde ich es als extrem diskriminierend, daß ich als Körperbehinderter bei Frage A eigentlich "Ja" ankreuzen müßte (um nicht die Unwahrheit zu sagen), daß man diesem Kreuzchen aber nicht ansehen könnte, ob ich z.B. körperlich oder geistig behindert oder drogenabhängig bin (aus diesem Grund rieten mir übrigens alle FlugbegleiterInnen, die ich zu diesem Thema befragte, auf jeden Fall "Nein" anzukreuzen, d.h. zu lügen). Der Hinweis am Ende macht das ganze noch schlimmer, denn er faßt theoretisch die sieben Antworten zu einem großen "Ja" oder "Nein" zusammen, in dem Sinne, daß etwa ein "Ja" in Frage A keinen Deut besser oder schlechter als ein "Ja" in Frage C (die Frage nach etwaiger Nazi-Vergangenheit) ist!




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Zuletzt geändert am 14.01.2009
von Torsten Felzer.
  (felzer@mail.com)